Kleine Insel, große Freiheit

Kleine Insel, große Freiheit

Sonntag, 12. April 2020

Keine Zeit für Gleichgültigkeit

Es sei keine Zeit für Gleichgültigkeit, sagte heute Papst Franziskus, als er allein im Petersdom predigte.

Zeit zur Besinnung, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Umdenken. Zeit für andere auf andere Arten. Zeit für mich selbst. Und Zeit für die Zeit.

Mein wahres Ostergeschenk ist, dass ich den jetzt pflegenden Lebensgefährten meiner Mutter in einem anderen Licht sehen kann als bisher. Und auch meine Mutter. Sie ist nun wirklich auf seine Hilfe angewiesen und er schenkt sie ihr. 24 Stunden am Tag. Mit all seiner Kraft und all seiner Liebe. Dazu wären wir Töchter überhaupt nicht in der Lage. Wir würden uns Hilfe suchen, klar. Aber emotional könnten wir das beide nicht.
Was ich bisher im Kopf hatte: Danke sagen und er macht es gut...kommt auf einmal aus dem tiefsten Herzen, aus der Erkenntnis, dass dieser Mann wirklich barmherzig ist und unsere Mutter von Herzen gerne hat. Sie bis zum Tod begleiten will.  Und es ist unerheblich, aus welchen Beweggründen heraus er es tut. ER TUT ES. Dafür  bin ich ihm von Herzen dankbar.
Auf dieses Gefühl hatte ich so lange gewartet. Deshalb empfinde ich es als großes Oster-Geschenk. Und ich bin froh für meine Mutter, dass sie ihn hat und nicht in diesen Zeiten allein auf ihre Einrichtung im Betreuten Wohnung  angewiesen ist. Sie hätten sie jetzt "weggesperrt",  zu ihrem eigenen Schutz. Daran gehen Menschen zugrunde. Wenn sie die anderen Menschen nicht mehr spüren und keinen Kontakt haben dürfen.

Nach Ostern sollen die Corona-Regeln der Kontaktsperre und Ausgangsbeschänkungen sowie des Social Distancing neu bewertet werden.  Je mehr ich darüber nachdenke, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Inseln wieder geöffnet werden. Peu à peu... was könnte das heißen? Handwerker kommen eh, Zweitwohnungsbesitzer aus Gebieten mit hohen Infektionsraten würden hier auf Unverständnis treffen.  Innerhalb der Insel... Schule mit älteren Schülern, die ihre Abschlussprüfungen schreiben müssen? Kindergärten?  Keine Ahnung. Bekommen wir alle Tests um Antikörper zu bestimmen? Und was, wenn wir keine haben? Ich erinnere mich an die Tuberkulose-Untersuchungen - früher. Habe ich Antikörper? Fein, sonst: Impfung. So war das doch?
Im vollen Supermarkt mit ziemlich engen Gängen fühle ich mich mitunter sicherer, wenn ich eine Maske trage... keine von der Sorte: ich steck mich nicht an. Nein, handgenähte mit Gummiband für die Ohren. Helen sagt: die wirken nicht. Und doch stellen sie mental eine Grenze dar und erinnern mich an den 2 m Abstand.  Für mich sind wir hier auf der Insel immer noch im Übungsmodus... der Virus wird kommen und dann möchte ich ein richtiges Gefühl für 2 Meter haben und das Gefühl, mich richtig virusfeindlich zu benehmen.  Angst vor dem Virus habe ich nicht.
Ich will mich schützen und  sollte dabei aber auch  darüber nachdenken, dass auch ich für andere eine Gefahr sein kann, den Virus in mir trage. Dieses Bewusstsein wird wohl erst wachsen, wenn wir hier wirklich die ersten Fälle auf der Insel haben.

Manchmal ein Gedankenblitz: was wird aus Herrn Schmid, falls sie mich ins Krankenhaus fliegen? Sollte ich schon jetzt Astrid fragen - vorsorglich?  Bediene ich damit nicht gleich die Self-Fulfilling-Prophecy? Ich schiebe die Frage an Astrid weg. Denn ich will mir nicht vorstellen, so krank zu werden. Auch wenn ich Risikogruppe und mit Asthma/COPD Risikopatientin bin. Ich glaube fest daran, dass der Kelch an mir vorüber geht und wir im kommenden Jahr die Impfung haben. Wir hier auf de Insel haben 35qkm Platz, im Augenblick sind wir ca. 3000 Menschen,  wenn wir eine "kleine Saison" bekommen, wenn sich die Infizierten-Zahlen konsolidieren, dann kommen vielleicht 3-4000 dazu? Immer wieder?

Das zeigt, wie wichtig es sein wird, ganz bewusst  konsequent Abstand zu halten, die Hände zu waschen und auch die Maske zur eigenen Distanzwahrung zu tragen... bis es einen Impfstoff gibt.  Nur damit schütze ich die Anderen und mich selbst.

Und wie wird sich unser Leben verändert haben, wenn wir uns wieder berühren dürfen, uns herzen und umarmen?  Wenn das "normale Leben" wieder Fahrt aufnimmt? Wieviele werden beruflich auf der Strecke geblieben sein? Wie wird ihnen geholfen? Wie wird die Gesellschaft sie unterstützen? Werden wir den Pflegekräften endlich das Gehalt zahlen, das sie verdienen und damit selbst die höheren Krankenkassen-Beiträge klaglos annehmen? Werden wir uns beteiligen? Am Wiederaufbau unsere Republik? Der Welt?

Die Pandemie geht uns alle an. Und jeden Tag mehr und immer wieder.
Nein, es ist keine Zeit für Gleichgültigkeit.