Ich möcht nicht mehr mit Dir kämpfen, ich will mich nicht mehr mit Dir auseinandersetzen. Ich will, dass es Dir gut geht... und Du entscheidest, wo und wie das ist.
Uff.... Es ist schwer, fast unmenschlich, sich von seiner Mutter zu verabschieden. Sie lebt noch. Sie lebt mit ihrem Freund, der nicht unser Freund ist. Sie lebt mit einem Mann, der sie braucht wie die Luft zum Atmen, den sie braucht wie die Brille zu sehen. Sie lebt mit einem Mann, der sich zur Aufgabe gemacht hat, sie bis zu ihrem Tod zu begleiten... zu pflegen. Das hat er für sich oder der liebe Gott für ihn bestimmt und sie damit in seinen Bann gezogen. "Ich brauche Dich, Du kannst jetzt nicht sterben. Ich muss für Dich leben, das hat mir der liebe Gott aufgegeben." Das alles klingt rührend und ist es auch, wenn man es von außen und ganz unvoreingenommen und neutral betrachtet. Eine rührende Lebens-und vielleicht auch Liebesgeschichte. Aber auch eine Geschichte von Abhängigkeit, psychischen Krankheiten und Manipulation. Ein Geschichte von Ausgrenzen und Verurteilen.
Meine Mutter wird jeden Tag ein bisschen dementer, in ihrem 94. Jahr, ein kleines bisschen aggressiver. Und lebt jetzt im Haus ihres Freundes. Er ist 80, mit diversen schlimmen Krankheits-Diagnosen, auch nicht wirklich fit. Schon vor 8 Jahren hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, seine Christa vor den Töchtern, die so gar nicht barmherzig schienen, zu beschützen. So etwas spaltet und tut weh. Ist übergriffig und hinterlässt Spuren.
Wir als Töchter wollten wenigstens ihre eigene Behausung im Stift aufrecht erhalten... als Backup. Als kleines Restzeichen von Unabhängigkeit. Das nehmen sie uns übel. Hermann will sie ganz. Und will die 458 Euro sparen... die könnten sie ja noch ausgeben. Wofür? Und Mutti? Kann nur abhängig. Obwohl ihr Mantra für uns immer war: macht Euch bloß nicht von einem Mann abhängig. Ja, wir lernten und beherzigten unsere Lektion. Unabhängig bis in die Tod.
Ich sitze 1000 km entfernt, spüre, dass Mutter für mich schon lang nicht mehr "meine Mutter" ist. Genau so wie ich nicht mehr "ihre Sigrid" war, als sie mich vor einem ihr nicht genehmen Freund bewahren wollte. Sie ist "Hermanns Frau", mir fremd geworden, von Jahr zu Jahr mehr, Hermanns Einfluss wurde immer größer, sie gab ihm den Raum... weil sie sich nicht wehren konnte. "Er hat dann schlechte Laune und ist böse. Als Kind wurde ihm ja böse mitgespielt...."
Ich verstehe sie nicht mehr. Ich kenne sie nicht mehr. Ich muss mich von ihr verabschieden. Wie mache ich das? Wie verabschiede ich mich von meiner Mutter, an die ich nicht mehr heran komme?
Von der ich als Tochter natürlich möchte, dass es ihr gut geht. Mir aber Glaube, Mut und Gottvertrauen fehlt, sie so ganz in der Obhut dieses kleinstbürgerlichen Lebens zu lassen und darauf zu vertrauen, dass alles schon gut sein wird.
Ich will nicht mehr argumentieren, ich will nicht mehr kämpfen. Ich will aber auch nicht mehr das Gefühl haben, abgewiesen zu werden. Sie hat sich schon lange für Hermann entschieden. Nicht allein sein, umsorgt sein. Und da ist alle Kleinbürgerlichkeit völlig egal. Äußerlichkeiten, wie sie früher für sie lebensbestimmend waren, gelten schon lange nicht mehr.
Ich bin wütend, weil sie uns verlassen hat. Ich bin traurig, weil wir ihr nicht mehr wichtig zu sein scheinen. Ich bin entsetzt, dass ich sie nicht einfach loslassen kann. Loslassen im Frieden und in der Freude, dass es ihr jetzt mit Hermann in seinem Häuschen mit der pflegenden Olga gut geht.
Ich habe Angst vor der Zeit, in der sie ihrem Ende zugeht, weil ich nicht weiß, ob Hermann uns teilhaben lassen wird an ihrem Gehen.
Ich habe Angst, mit Hermann zu streiten um die Urne unserer Mutter, die mal im Familiengrab beigesetzt werden soll - 1000 km weit weg von ihm.
Heute raubt es mir den Schlaf und die Ruhe. Mich quält der Gedanke, irgendwann nicht STOP gesagt zu haben und selber den Pflegehut aufgesetzt zu haben. Irgendwann eine Bitte überhört zu haben. Sie wollte nie, dass ihre Töchter sie versorgen. Unabhängig bis in den Tod - von den Töchtern.
DAS muss ich akzeptieren und hinnehmen. Für mich stirbt sie jeden Tag ein kleines Bisschen. Loslassen ist schwer. Nicht mehr kämpfen und hinnehmen müssen macht mich wütend. Abschied nehmen lähmt mich. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn sie wirklich nicht mehr da ist. Ich weiß nicht wie es ist, sie einfach nur zu lieben.
Heute möchte einfach nur nicht mehr mit Dir kämpfen. Vielleicht ist es die Liebe, die wir Beiden brauchen, in dem ich einfach nur annehme, dass es so ist, wie es ist.