"Ich frage mich immer, wie es mir in der selben Situation ginge" , sagte meine Schwester heute am Telefon. - Der Heilige Geist wurde seiner Pfingsten-Aufgabe gerecht.
Seit vielen Jahren denke ich: mit 85 gesund sterben. Dann muss ich mich gar nicht beschäftigen mit Siechen und immer älter, steinalt werden, abhängig von der Hilfe anderer.
Will sagen: es fällt mir sehr schwer, mich einzulassen in das Experiment, aus den Schuhen meiner 94 jährigen Mutter die Welt und das Leben zu sehen.
Jetzt, heute, konfrontiert mich meine Schwester mit dem Satz: "Ich stelle mich immer mal in die Schuhe unserer Mutter"... dann wisse sie, wie es ihr geht und warum sie so und nicht anders leben kann.
Ich kann nicht mehr richtig sehen, alles ist verschwommen, nur unten, wenn ich ganz tief nach unten schaue, sehe ich etwas. Meine Auszüge kann ich nicht mehr lesen. Ich kann mein Leben nicht mehr kontrollieren, angewiesen auf Hermann, der das noch lesen kann. Ich kann nicht mehr richtig alleine stehen. Ich vergesse alles... also, das was er mir vor ner halben Stunde gesagt hat. Isch schlafe mich gut und mache mir Sorgen, meine Ängste werden immer mehr. Und... ich brauche die Windelhosen.
Ich werde schnell nervös, ängstlich und dann auch wütend. Ich kann dann nicht mehr steuern, was ich sage. Und meine ganze Wut landete in Worten, die mir früher nie über die Lippen gekommen wären. Ich schimpfe und bin unleidlich, weil ich dieses Leben so eigentlich gar nicht wollte. Abends ins Bett gehen und morgens feststellen: ich bin ja tot. DAS wollte ich. Klappt nicht. Und gehen... so selbstbestimmt... das kann ich auch nicht.
Tja, und dann ist da Hermann, der sich ganz wunderbar um nicht kümmert... 24 Stunden um mich herum ist und mir das Gefühl gibt: Du bist nicht allein. Der braucht mich wie die Luft zum Atmen. Und ich brauche ihn wie die Brille zum Leben. Und so ist alles doch gut.
Wenn ich schon jetzt noch leben muss, dann ist dieses Form für mich die beste.
Ja, ich verstehe jetzt besser. Und möchte nicht tauschen mit meiner Mutter.
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