Kleine Insel, große Freiheit

Kleine Insel, große Freiheit

Samstag, 21. März 2020

Vor einer Woche war ich noch draußen

Eine Zeit, die die Geschichtsbücher vielleicht als die große Wende der Welt kennzeichnen.
Und wir waren dabei.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Liebe, der Kraft und der Besonnenheit
(2. Tim. 1,7) Mein Konfirmation-Spruch passt gut in diese Zeit.

Vor einer Woche,  Samstag auf Sonntag, hatte ich noch einen Termin auf Sylt in meinem Ehrenamt.
Nach Rücksprache mit meinen Kollegen löschte ich alle weiteren Termine. Auf der Fähre-und später Zugfahrt kam mir die neue Welt mit Corona-Virus das erste Mal so richtig  REAL entgegen. Auf unserer "Insel der Glückseligen" haben wir viel Platz, kennen einander, sind die ganze Zeit da und waren, wie alle im Lande, zuversichtlich, dass der Virus uns nichts anhaben kann.

So vielen Menschen auf einmal, wie auf der Fähre und im Zug, war ich schon seit Monaten nicht mehr begegnet. Die Insel im wohlverdienten Winterschlaf. Die Devise hieß,  sich schön machen für die Saison. Auf der Fähre saß ich bewusst allein, im Zug im Abteil für die Fahrräder, wohl daran denkend, dass ich dort mindestes 1 1/2 Meter Platz um mich hatte. Komisch war das Gefühl schon. Du musst Dich absentieren, möchtest gerne mit den Menschen ins Gespräch kommen... und immer denkst Du "Hoffentlich holst Du Dir jetzt den Virus nicht".  Dann wieder die Selbstberuhigung:" reg Dich nicht auf, Du kennst keinen Infizierten, Du passt auf und hälst Dich entfernt und selbst hast Du noch keine Symptome".

Dienst war okay, die Rückfahrt mit dem Zug nach Niebüll auch, Fähre voll. Saß einer Bekannten gegenüber, wir setzten uns ver-setzt, damit wir uns nicht direkt an-atmeten, der Tisch zwischen uns  ist bestimmt weniger als ein Meter breit. Befreundete Insulaner kamen bestens gelaunt aus Hamburg.
"Super, Du kriegst überall einen Parkplatz, in den Lieblingsrestaurants musst Du nicht mehr reservieren" Upps. Und "Ach ja, nicht vorstellbar, dass wir vor 11 Tagen noch im Elsass waren".

Noch nie vorher hatte ich einen Menschen gebeten, sich wirklich einen Meter von mir weg zu stellen. Spooky, das Ganze.

Richtig sicher fühlte ich mich erst in meinem Auto über die Insel fahrend. Direkt zum Friseur... mal sehen, wie lange der neue Schnitt nun reichen muss.

Inzwischen ist die Insel seit sechs Tagen  ZU - für alle, die hier ihren Zweitwohnsitz haben oder Gäste.  Insulaner unter sich. Viel draußen, viel Radio hören, viel im Internet Zeitung lesen... Corona kommt mir zwar zu den Ohren raus.. aber Input muss immer noch sein.

Ich merke, dass ich in der Tagesroutine sicherer werde. Allein mit Hund bei strahlender Sonne draußen ist schon viel mehr, als Millionen von Menschen können, die wirklich Ausgangssperre haben. Ich fühle mich sicher, geborgen und privilegiert.  Ich darf in einer eigenen Wohnung wohnen und bekommen monatlich meine Rente. Die ist mir sicher. Diese Sicherheit haben heute viele Amrumer nicht mehr.

Die Restaurants beginnen, die Insulaner mit Take-away-Mahlzeiten zum erfreuen. Essen ist Fun und Abwechslung und Rauskommen. Und vor allem: die keinen Unternehmen unterstützen. Wenn wir nicht ihre Pizza essen, von draußen darf jetzt keiner rein. Also:
Heute gibt es Pizza.
Und ein Pfund Zuversicht.






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