Kleine Insel, große Freiheit

Kleine Insel, große Freiheit

Samstag, 15. Mai 2010

Du wirkst irgendwie gehetzt...

... meinte neulich Helmut, als ich um 15.00 Uhr in die Post kam – von der Arbeit.
Und über den Satz habe ich nun nachgedacht und nachgespürt. Ja, es stimmt. Ich war ein wenig genervt, weil ich so lang im Hotel war, wollte noch meine Wäsche aushäusig waschen und war ein wenig unter Zeitdruck.

In diesem Insel-noch nicht-Sommer ist vieles anders: Ich wohne selbst, das heißt: unabhängig , nicht im Hotel. Das führt dazu, dass ich Hausarbeiten, wie Wäsche waschen, zu bestimmten Zeiten im einzigen Insel-Waschsalon erledige. Und dazu brauche ich Zeit. Ich bin grad länger im Hotel als ich eigentlich wollte, da das Büro organisiert werden möchte. Das geht nur nach dem Frühstück und vor dem Abendessen. Und macht Spaß. Außerdem ist es eine willkommene Alternative zum schlechten Wetter. Immer im Wind die Insel auf dem Rad umfahren, ist auf Dauer auch nicht der Hit. Und - für den Strandkorb ist es wahrlich noch zu kalt.
Aber zu sehen, wie aus einem gelinden Chaos eine gewisse Ordnung erwächst, und darüber hinaus immer mehr die Zusammenhänge einer Hotelwirtschaft verstehen lernen, das hat was....
Und so habe ich meine Münchener Geschäftigkeit grad mal mit auf die Insel genommen... und wirke für den eingemeindeten Berliner (der wahrlich nicht zu den Ruhigsten gehört) gehetzt.
Dieser Mai ist vielleicht nicht der Monat meiner Kontemplation. Zugegeben. Damit ich aber im wahren Sommer (also: Jetzt-Wetter plus mindestens 13 Grad) die Ruhe und Gelassenheit für meine Lieblingsplätze habe, investiere ich jetzt sehr gerne meine Zeit da, wo sie grad gebraucht wird.
Auch das ist Freiheit, die ich meine.

Dienstag, 11. Mai 2010

... und führet mich zum frischen Wasser.







Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines namens Willen.


Welch eine Freude! Er führte mich zum frischen Wasser, durch grünende Dünen, an einem Kaffee mit Pflaumenkuchen vorbei... und ich dankte der inneren Stimme, die einfach sagte: los jetzt.

Die Kälte war einer wohligen Bestrahlung gewichen, der Himmel blau, der Wind lau. Also ideal für einen langen ausgiebigen Spaziergang, der mich ans große weite Meer führte, 1 Stunde am Kniepsand, über das Quermarkenfeuer zurück zur Vogelkoje und dann nach Nebel. Drei Stunden war ich draußen.

Faszinierend meine Pause auf einer Sonnenbank. Meine Augen hielt ich geschlossen, die Sonne lud mich – ähnlich einem Akku – auf, ganz langsam, aber nachhaltig. Ich lauschte der Stille: kein Auto, kein Flugzeug, keine Rasenmäher, keine Stimmen. Nur der Wind in den Bäumen und ganz hinten im Hintergrund vermischte sich mit diesem Rauschen das Rauschen des Meeres (fast schemenhaft, ganz weit hinten und doch wahrnehmbar). Zwischendurch das Kreischen einer Möwe, das böse Zischen eines Graugänserichs, der seine Familie gegen eine große schwarze Krähe verteidigt, ein paar Enten und wieder ne Möwe.... Der Hahn der Vogelkoje meldete sich zu Wort, dann wieder nichts, gar nichts, kein Auto, kein Mensch, kein Flugzeug, kein Rasenmäher... dann – meine Augen waren immer noch zu – Fahrräder, die an meiner Bank vorbeifahren und entfernte Stimmen.

Als ich meine Augen öffnete, sah ich in die Äste einer sehr alten hohen Kiefer und in einen strahlend azurblauen Himmel und wusste, ich habe auch Urlaub.

Diese Nachmittage sind es, die meinen Inselsommer bereichern. Sie entschleunigen, zentrieren und machen dankbar und zufrieden.



Da sitz ich in meinem Wohnclo ... so sieht das grad aus, nicht besonders aufgeräumt aber gemütlich mit den herrlichen Rosen von Helen ....
und kriege heute mal meinen Hintern nicht hoch.
Draußen scheint die Sonne, aber der Wind ist bitterkalt. Es will nicht Frühling werden, mutet eher an wie ein warmer Wintertag und es verdrießt mich immer mehr.... Schade eigentlich, denn unsere Gäste erzählen immer, dass es kein kaltes und schlechtes Wetter gibt, nur die falsche Kleidung. Wie schon weiland mein Großvati sagte.

Ich finde, es muss auch mal Tage geben dürfen, an denen ich einfach nur "abhänge", chille in Neudeutsch....Soll ich jetzt nicht doch die Stöcke nehmen und zum Strand laufen?... aber da ist der Wind noch kälter. Oder mit dem Rad nach Nebel und Norddorf... Ja und dann? Oder aber ich jogge, dann wird mir von selber warm und ich bin anschließend noch stolz auf mich.

Diese Überlegungen kenne ich von München, Mrs. Innere Schweinehündin lässt grüßen.
Und wo ich sie jetzt formuliere, finde ich sie schon wieder ziemlich witzig... so offensichtlich und es braucht doch nur einen winzig kleinen Tritt in den Allerwertesten, oderrrrr?

Hier im Hotel läuft alles nach Plan. Der Chef hatte uns für drei Tage das Haus anvertraut und ist aufs Festland gefahren. Zwei alte Frauen (Wiltrud,56 und ich) und zwei Jung(e)Köche schmissen den Laden - und - es - hat - Spaß - gemacht.
Was wäre, wenn wir gemeinsam eine Pension / ein kleines Hotel hätten? Hier können wir üben und schauen, was alles dazu gehört... Funktioniert die Mangel.... warum steht sie jetzt. In welcher Reihenfolge sollte sinnvollerweise die Wäsche gewaschen werden, wie feucht muss sie zum Mangeln sein? Wie ist das beste System für ein effizientes Wäsche-management? Und... warum kamen die Gäste für die FeWo nicht?... Der Wellnessbereich wurde einmal benutzt, klar: Wischen und Spritzer weg, neue Handtücher rein. Haben wir an die Bestellungen gedacht? .... ich glaube, nach der Saison könnten wir das Haus alleine managen. Und bräuchten nur noch die halbe Zeit.

Es ist toll festzustellen, dass es auch im hohen Rentenalter noch einen Heidenspaß macht, Lösungen zu finden, die besten Wege und Prozesse zu definieren und zufrieden mit getaner Arbeit zu sein.... auch wenn wir nicht im 5*** Haus sind, sondern unseres auf 3-4 bringen wollen. Das ist schwerer als die 5 zu halten.

Dann werde ich mal joggen gehen. Tschüß denn

Montag, 10. Mai 2010

Und dann fahr ich...





...mit dem Rad durch meinen Lieblingswald – von Nebel über die Vogelkoje nach Norddorf. Jeden Huckel kennt mein Hintern, manche Wellen er-fahre, ich als säße ich auf dem Rücken eines Pferdes (Helen möge mir verzeihen, das fühlt sich wahrscheinlich gaaaanz anders an), ich fließe und fliege dahin, durch einen Wald, der aussieht wie ein Dom mit einer lindgrünen Kuppel. Minihäschen kreuzen meinen Weg. An der Vogelkoje begegne ich endlich den Graugansfamilien mit ihrem Nachwuchs (nicht älter als 5 Tage), stolz warten an jeder Ecke Fasane, die ihren Hintern nicht mal vom Weg nehmen, wenn ich klingele (Helen mit Deiner wunderbar lauten Klingel, die keiner überhören kann).
Verbunden mit allem und allen, die dort sind, mit den Tieren, der Natur, den „Frauen auf dem Grill“, alte Damen, die in der Sonne sitzen und mich bitten, dass ich ein Foto von ihnen mache, fühle ich mich. Verbunden und mit mir. Das ist Amrum (für mich).

Warum Amrum????



... fragte mich heute ein Gästeehepaar beim Frühstück. Ja, warum eigentlich? Es hätte auch Juist oder Sylt werden können – oder nicht?

Meine erste Begegnung mit der Nordsee hatte ich in der Nähe von Wilhelmshaven. 1984, Helen, meine Tochter, damals fast 2 Jahre alt, landete nach 15 Minuten kopfüber und total im schwarzen Schlick – aus der Traum vom Tag an der Nordsee und Watt fand ich doof und dreckig.

1990, immerhin 6 Jahre später, gewannen wir einen Sechse im Lotto, nein: erhielten einen Platz zur Mutter-Kind-Kur in Keitum auf Sylt – wieder am Watt. Wie oft fuhren wir mit dem Fahrrad an die „schöne“ Seite, wo das große weite tosende Meer Dir zeigt, wie klein du wirklich bist, wo der blanke Hans seine Kraft immerwährend zeigt, wo Du nie ein selbes Bild siehst, wo sich immer was tut, wo die Weite des Himmels Deine Seele befreit und dein Herz erleichtert, wo die Bronchen frei werden und
Ab 1993 verlebten wir einige Mutter-Kind-Ferien auf Wangerooge. Eine schöne Familieinsel mit vielen Ponies. Helen war glücklich und ich fuhr immer mit dem Rad um die Insel. Auch schööööön.

„Lass uns mal nach Amrum fahren“, meinte 1994 ein Mann, den ich kennengelernt hatte. Letzte Oktoberwoche – Friesenhaus mit Reet, eine gesunde Mischung aus Sturm, Sturmflut und sonniges ruhiges Oktoberwetter, Radfahren durch den wunderbaren Wald. Den Mann vergaß ich schnell – die Insel diente meiner Klärung – der Inselwald war als Bild im Gedächtnis verankert.
Danach kam nur noch Kur an der Ostsee – auch schön....

Als ich die Altersteilzeit als mein optimales Berufsaustiegsprogramm definierte und entschieden anging, gab es im Freundeskreis Stimmen, die meinten, ich sei zu jung, um alt zu werden. „Stimmt“ entgegnete ich und philosophierte, ich könne ja, wenn ich was anderes im Leben haben wollte, Frühstück auf einer Nordseeinsel machen. Von diesem Zeitpunkt an (und die Idee des Frühstücks war so dahin gelabert) traf ich nur noch Menschen, die auf Amrum glücklich sind, dort her kommen, dort immer wieder hinfahren, die Insel kennen und lieben. Es gab kein Entrinnen mehr, keine andere Insel als AMRUM.
Immer wieder ist es Zuhause - ein HierSEIN. Immer wieder und jeden Tag neu.
Ja, es gibt eine lenkende Energie, die einen Sog ausübt, dem ich mich nicht entziehen kann.

Und warum das so ist? Egal.

Freitag, 7. Mai 2010

Und jeden Morgen wieder...



freue ich mich schon auf meinen Weg zur Arbeit... mit dem Fahrrad am Watt lang.
Wenn es nicht regnet, klar ist und fast wolkenlos, dann sieht es so aus
im "Land der aufgehenden Sonne", am Watt zwischen Nebel und Steenodde.
Der frische Morgenwind bläst durch meinen ondolierten Schopf. Dank Wella sitzt die Frisur den ganzen Tag.

Ich kann mich von dem Anblick nur lösen, weil ich weiß, dass der Blick vom
Frühstücksraum auf das morgendliche Watt im gleißenden Sonnenlicht noch viel
betörender ist.

Und dabei denke ich immer an Helen, die ihr Amerikanistik-Institut in Paris suchte, von der Ile über die Seine zurück musste und mich mit Handy anrief und beschrieb:
"und die Seine glitzert im Morgenlicht wie Millionen von Diamanten"...
Mit diesem Bild hatte sie damals IHR Paris gefunden, in dem sie ein Semester studieren
wollte.
Es gibt Momente im Leben, die vergesse ich nie.

Einmal Sylt und zurück...




Wer seinen Traum vom Inselleben realisieren darf, kann auch Ehrenamt. Gestern gab ich meinen Einstand in Westerland... In regelmäßigen Abständen werde ich mit sehr sympathischen, meist Syltern zusammen arbeiten. Ich fühlte mich gestern sehr wohlwollend und fast liebevoll, ganz offen und freudig aufgenommen in deren Kreis. Ein gutes Gefühl. Ein sehr gutes Gefühl. Die Arbeit wird mich nun in regelmäßigen Abständen nach Sylt führen. Für einen Tag und eine Nacht. Meine Schiffspassagen werden bezahlt und eine Jahresgästekarte für die Gemeinde Sylt (ALLE Strände!!!!!) habe ich auch in der Tasche. Es gibt schlimmere Arbeitsbedingungen.
„Die Friedrichstraße in Westerland ist wie Kaufhof am Meer“, beschrieb ein Gast seine Syltimpressionen im vergangenen Jahr. Das Gute ist, wir brauchen Kaufhof nicht täglich Gleichwohl entspannt es ungemein zu wissen, wenn ich ganz wirklich dringend etwas bräuchte, was ich hier nicht bekomme, dann kriege ich es in Westerland. Und schon bäumt sich in mir die Frage auf: und was bräuchst Du soooo dringend, dass Du es in Westerland besorgen musst? Nüx, gar nüx. Und das ist das viel bessere Gefühl.

Highlight auf Sylt war zweifelsohne die heutige Radfahrt von Westerland bis Hörnum. Durch die Stadt, über 4-spurige Straßen, rot gepflasterte Radwege, Fußgängerampeln.
Zwanzig Kilometer, unterbrochen durch ein Frühstück mit Sabine aus Ingolstadt, die gerade mit Tochter Frauenferien in Rantum macht. – 20 km Radfahren mit Rückenwind Hey !! nur Fliegen ist wirklich schöner. Hätte nun auch noch die Sonnen geschienen statt des Regens, wäre es wärmer aber nicht spannender gewesen. Es ist wie immer: bist du einmal nass auf dem Rad, ist eh alles egal und es fährt und fährt und fährt. Nur die Gedanken an Nässe, Kälte und Unbehagen machen schlechte Laune.

Herzebuppern hatte, als sich mein Adler Express röhrend durch 6 Windstärken Amrum näherte. Warum das so ist? Keine Ahnung. Um das zu ergründen, bin ich hier.
Das Schönste zurück auf Amrum: auch hier kam der Wind mehr von hinten als von vorne – und flugs war ich durch den Wald bis nach Hause gefahren.

Eines noch zum Schluss für heute:
Ich friere wie im November, höre in der Natur die Maiklänge und wünschte, es wäre wenigstens "nur" Aprilfrisch.